Die Zeit und ich – es ist kompliziert. Wir beide wollen nicht recht zusammenkommen – nur in einem Punkt sind wir untrennbar aneinander gebunden .. im Jetzt.
Die dunkle Seite
20 Minuten noch, dann muss ich los. Natürlich habe ich mir Puffer eingebaut. Und wie bei jedem einzelnen Termin bin ich schon Tage vorher Anfahrt, Parkmöglichkeiten, Weg zum Gebäude, den Weg im Gebäude, alles, was ich für den Workshop benötige – meist redundant, weil „man weiß ja nie“ –, die Namen, Mindset, Privatleben der Beteiligten, mögliche Hindernisse auf dem Weg dahin, Alternativrouten und Ersatzpläne für jeden einzelnen Punkt im Workshop durchgegangen. Habe mir Anfahrtsplan sowie die Meeting-Daten ausgedruckt (das Handy könnte ja ausfallen) und schrecke nur noch davor zurück, mir Informationen über die Empfangsdamen einzuholen, um keinen kulturellen Faux-Pas zu begehen, weil das wär ja schon übertrieben.
So weit also alles normal bei uns ..
Jeder Planungsschritt ist das Verhindern einer früheren katastrophalen und oft mit Scham beladenen Situation, die penibelst verhindert werden muss.
20 Minuten .. die Tasche ist größtenteils gepackt, aber ich kontrolliere noch einmal. Ah, das Netzteil des Laptops fehlt.
Ich gehe ins Arbeitszimmer und schaue nach dem Netzteil. Dabei fällt mir auf, dass der Papierstapel auf dem Tisch mittlerweile recht angewachsen und unübersichtlich geworden ist. Ich sortiere schnell die Dokumente, die in nächster Zeit wichtig werden, raus und räume den belanglosen Kram weg. Ach ja .. das Netzteil.
Ich orte das Ding, rolle das Kabel darum zusammen und nehme es in die Hand. Auf dem Weg zum Flur mit der Tasche komme ich durch die Küche. Warum habe ich Käse und Butter heute Morgen hier liegen lassen (und warum sind drei Schranktüren auf? Aber das ist eine andere Geschichte)?
Ich räume das schnell, bevor die Katzen es finden, in den Kühlschrank. Ach Mist .. da ist Sahne ausgelaufen. Das muss ich schnell wegwischen, sonst kann ich Butter und Käse nicht hineinlegen. Ich räume noch schnell ein paar unappetitliche Kandidaten aus dem Kühlgerät und bin recht zufrieden mit der nun verbesserten Ordnung, aber beunruhigt, weil ich ahne, dass das nicht mein Plan war.
Richtig .. der Workshop .. ich gehe schnell zum Flur und sehe meine offene Tasche. Da war was! Richtig .. das Netzteil.
Ich gehe wieder in die Küche zurück und fange, mit leicht wachsender Nervosität, an zu suchen. Scanne alle Oberflächen, den Boden, hebe random Dinge hoch, unter denen es auf keinen Fall liegen kann. Gehe wieder ins Wohnzimmer .. nada. Dann verfolge ich meine Schritte zurück und versuche, das Getane noch einmal durchzuspielen.
Ich schaue in den Kühlschrank (es dort zu finden, hätte bei mir nicht einmal Stirnrunzeln verursacht), aber dort ist es auch nicht. Ich gehe wieder zur Tasche und bin ratlos. Als ich meine Hände in die Hüften stemme, merke ich, dass ich einen ziemlich großen Gegenstand in den Taschen meines Kapuzenpullis habe. Ich muss dazu nichts sagen.
5 Minuten noch .. ich suche, zunehmend hektisch, mit einem leichten Schweißfilm auf der Stirn , meinen Schlüssel. Mittlerweile leise fluchend und mit mir selbst redend. Die Katzen schauen sich das Schauspiel lasziv-interessiert an.
Meine Ablage, in die ich Schlüssel, Portemonnaie, Kopfhörer .. alles, was man so braucht, hineinwerfe, damit ich beim Losgehen nichts suchen muss, zuckt mit den nicht vorhandenen Achseln – kein Schlüssel.
Den Zustand jetzt als angespannt zu benennen, würde der Situation nicht gerecht werden .. Ich durchsuche meine Jacken. Dabei fällt mir auf, dass ich meine Sommerjacken ja mal in den Keller bringen könnte, und beginne, sie auszusortieren, als mir doch bewusst wird, dass ich hier gerade vom geplanten Weg abkomme.
Kein Schlüssel.
Ich schaue noch einmal in die Tasche – ah, da ist er ja. Und auch noch das Katzenfutter, das ich gestern eingekauft, aber nicht weggeräumt hatte. Das muss ich natürlich, Ordnung muss sein, jetzt tun ..
Natürlich kam ich insgesamt 15 Minuten später aus dem Haus, gestresst und genervt von mir selbst. Das Gute: Selbst diese Zeit plane ich mit ein. Hier erinnere ich noch einmal an die vielen peinlichen Momente, die ich ungern erneut erleben möchte!
Viele von uns erfahren es so: Es gibt nur zwei Zeitarten, Jetzt und Nicht-Jetzt. Und das passt so gar nicht in eine plan- und zukunftsorientierte Welt, in der alles durchgetaktet, minutiös verabredet und bei Regelverletzung mit harten sozialen Sanktionen belegt wird.
Wie ein Schwamm über die Tafel fährt das Jetzt – das, was genau in diesem Moment wichtig ist – über unser Arbeitsgedächtnis und löscht jede vorher noch so bewusst vorgenommene Priorisierung. Denn genau DAS ist jetzt wichtig. Dieses Ding, das da jetzt vor uns ist.
In diesen Momenten verfluche ich diese magnetische Anziehung zu dem, was vor mir ist, die mir dann zunichtemacht, was ich mir vorgenommen hatte. Aber:
Die helle Seite
Ich gehe durch die Stadt, um ein paar Dinge zu erledigen. Mein Bewusstsein, meine Wahrnehmung sind völlig offen. Ich denke nicht. Ich nehme mit einer unglaublichen Intensität und Gleichzeitigkeit die Menschen, was sie tun, in welcher Stimmung sie sind, die Fassaden der Häuser, kleine Graffitis, die Blumenampeln an den Laternen, den niedlichen kleinen Hund dort hinten, den Geruch von Waffeln aus der Eisdiele, das Schattenspiel der Wolken auf dem Boden und so viele Details, vom Bonbonpapier auf dem Boden bis zu der leisen orientalischen Musik aus einem der oberen Fenster, wahr.
Meine Augen sind offen wie Scheinwerfer, und mein Blick wandert ständig herum, um möglichst alles wahrzunehmen. Es ist, als würde man die ganze Welt aufsaugen .. ohne zu beurteilen oder sich Meinungen über irgendwas zu bilden. Ein völliges Aufgehen in eben diesem Jetzt, das ich so oft verfluche. Ich kann nur in diesem Jetzt leben, und gleichzeitig ist dies doch für mich das einzig wirkliche Leben.
Wenn ich mich mit Gedanken an die Vergangenheit belaste oder mit Sorgen und Plänen um die Zukunft – beides Dinge, die nur in unserer Vorstellung existieren und stets neu konstruiert werden –, entziehe ich mich dem Jetzt und letztlich auch dem bewussten Leben. Denn ich kann nicht hier sein und gleichzeitig in Vergangenheit oder Zukunft. Und eben hier – im Jetzt – ist die einzige Möglichkeit, zu leben, das Sein in sich aufzunehmen und vor allem: zu gestalten. Nur im Jetzt liegt die Möglichkeit der Freiheit, und ich bin ein Leben lang daran gefesselt. Und doch möchte ich es auf keinen Fall missen. Diese intensiven Momente des Aufgehens in der Schönheit des Moments .. in der Natur, mit den Kindern, mit meiner Partnerin.
Ich glaube, dass natürlich auch neurotypische Menschen diese Momente der Awareness haben können. Aber bei vielen Betroffenen, die ich kenne, ist das einfach das zeitliche Betriebssystem. Und die erkennt man schnell. Denn das sind die, die stets mit offenem und neugierigem Blick durch die Gegend laufen und sich an den kleinsten Kleinigkeiten freuen können. Die fallen auf in einer Menge, die den Blick nach unten, in die Vergangenheit oder Zukunft gerichtet hat.
Und ja, manchmal ist genau das zu viel. Dann stürzt das Jetzt mit seinen Geräuschen, Licht, den Menschen und Gerüchen wie eine Flut über uns herein. Dann wird einfach alles zu viel. Aber: auch das gehört dazu.
Und ich finde das wundervoll.
Wie ist das bei euch? Schreibt uns – vielleicht wird daraus der nächste Nestgedanke. Wir würden uns freuen, hier auch Beiträge von euch veröffentlichen zu dürfen.
Mehr dazu: Eine Studie der University of Bath (Dezember 2025) fand, dass Erwachsene mit ADHS, die ihre Stärken kennen und nutzen, über bessere Lebensqualität und weniger psychische Beschwerden berichten. Zur Quelle
